Mittwoch, Juli 16, 2003

Der Bierpapst wußte mehr
Sehr geehrter Herr  T.

ich habe dieses Thema immer wieder mit meinen Seminarteilnehmern diskutiert.
- Die nächstliegende Erklärung ist eine rein praktische: Wenn man mit Bier anstößt, schwappt leicht etwas über, man riskiert also, dass außen am Bierkrug herunterlaufende Tropfen in den Bart oder auf die Krawatte geraten - durch einmaliges Absetzen kann man dafür sorgen, dass diese Bierreste auf der Tischplatte oder dem Bierdeckel bleiben.
- Ein anderer Erklärungsansatz hat damit zu tun, dass man unbedingt versuchen sollte, mit allen am Tisch anzustoßen, auch wenn sie unerreichbar weit sitzen - um niemand zu beleidigen. Stößt man mit den Erreichbaren an und dann mit dem Tisch, so hat man mit dem ganzen Tisch angestoßen. (So um 1980 habe ich bei einem Besuch in Ostberlin erlebt, dass Gäste kurz an dem auf dem Tisch stehenden Aschenbecher "angestoßen" haben - man hat mir erklärt, dies bedeute, man könne so nicht vergessen, mit jemand am Tisch sitzenden anzustoßen, weil dieses Ritual eben eine Ersatzhandlung darstelle.)
- Ein wieder anderer Erklärungsansatz nimmt das Umgekehrte an: Wenn man mit allen am Tisch sitzenden angestoßen hat, könnte ohne dass es dem einzelnen Tischgenossen bewusst gewesen sein musste, ein nach den damaligen zünftischen Wertvorstellungen "Unehrlicher" (etwa ein Scharfrichter, Abdecker oder auch ein Jude) dabei gewesen sein. Mit einem Unehrlichen durfte man aber als anständiger Bürger im Mittelalter oder der frühen Neuzeit eigentlich nicht trinken; man hätte damit die eigene Ehre und den Ausschluss aus der eigenen Zunft riskiert. Wenn man also den Krug absetzte, bevor man daraus trank, so konnte man damit möglicherweise ein "irrtümliches" Anstoßen mit einem Unehrlichen rückgängig machen.
Ich werde Ihre Frage auch gerne im Newsletter der Kampagne für Gutes Bier veröffentlichen - vielleicht erfahren wir so mehr.
Herzliches Prost
 
Conrad Seidl


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