Mittwoch, Juli 16, 2003

Eine wunderbare, lesenswerte Erklärung von Trink- und Plattenfreund Hardy
via Mail

Hi Jesse,

via Mosaikum.org bin ich auf Deine Frage zum Bier-Absatz gestoßen.
Ich möchte mich auch mit einer ganz persönlichen Erklärung beteiligen.
Rein pragmatischer Natur allerdings - weil ich es leider bisher nicht
zum Bierphilosophen, Volkskundler, Brauer o.ä. gebracht habe. Meine
einzige Qualifikation besteht im konsequenten Umgang mit Bier an
Orten, die dem Umgang mit Bier dienen, vulgo: Münchner Kneipen und
Biergärten. Wo Du ja ausweislich Deiner Linkliste offenbar auch des
Öfteren verkehrst. Und wo Du sicher auch bereits feststellen durftest,
dass die Qualifikationen, die man dort erwerben kann, mitunter das
Leben tiefgreifender verändern können als ein Magister in theoretischer
Bierphilosophie.

An den nämlichen Orten also trinkt man Bier traditionell aus
Litergefäßen, weithin bekannt als Maßkrüge. Es gibt sie in
unterschiedlichen Materialien (Glas, Steingut, Zinn etc.). Was aber
alle sind, ist eins: sauschwer. Der klassische Glaskrug wiegt leer
etwa 1,3 Kilogramm, anständig eingeschenkt wiegt er folglich 2,3
Kilogramm. Selbst bei Wies'n-Schankvolumina ist er noch immer deutlich
zu schwer für eine durchschnittliche Trinker- und sicher auch
Trinkerinnen-Hand, vorausgesetzt, sie will ihn in vollem bis
halbvollem Zustand bei angemessener Trinkgeschwindigkeit, etwaiges
Zittern, Verschütten oder Verschlucken vermeidend, zum Mund führen.

Deshalb kann in freier Wildbahn, gerade bei Experten des Sujets, eine
praktische und kräftesparende Maßkrughaltung beobachtet werden. Der
kundige Maßkrugbenutzer geht wie folgt vor: Er führt die Hand direkt
entlang des Krugs durch den Griff, so dass sich die Handinnenfläche
rund um den Krug schmiegt, der Griff die Mitte des Handrückens
umschließt und der abgewinkelte Daumen oberhalb des Griffes ruht,
womit er zugleich ein Mindestmaß an Kipp- und Rutschsicherheit des
Ensembles gewährleistet. In dieser Hand/Krug-Position (die rechts-
sowie linkshändig praktiziert wird) können sogar Ungeübte mit dem
klobigen Trinkgerät präzise die jeweils gewünschte Menge und
Trinkgeschwindigkeit justieren. Sie ist, was viele Maßkrugbenutzer
über die Jahre herausgefunden haben und noch herausfinden werden, die
einzig adäquate Handling-Variante für sicheren und verlustfreien
Biergenuss.

Für den geselligen und magischen Moment des Anstoßens muss diese
praktische Handhaltung allerdings kurzzeitig unterbrochen werden.
Würde man sie während des Anstoßens praktizieren, wäre die Gefahr
unabsichtlicher oder - Gott bewahre! - möglicherweise gar
absichtlicher Handverletzungen, verursacht durch rauschhaft ruppige
oder schlicht unachtsame Mitanstoßer, unverantwortbar groß. Daher
greift der umsichtige Konsument in Erwartung des Anstoßrituals den
Krug stets am Griff (während dieser Phase ist präzises Handling des
Gefäßes auch vernachlässigbar), um nach Abschluss des Rituals wieder
in den trinkfreundlichen Griff-umschließt-Handrücken-Modus zu wechseln.

Wer nun in diesem diffizilen Moment nicht genau aufpasst, der hat
schnell seinen Bierkrug auf den Füßen bzw. die Pfütze auf dem Tisch.
Es hat sich in der Praxis oft und nachhaltig gezeigt, dass der
geschilderte Wechsel nicht "fliegend", d.h. bei schwebendem
Trinkgefäß, stattfinden kann. Deswegen setzt der auf Sicherheit
bedachte Pragmatiker stets den Krug nach dem Anstoßen kurz auf dem
Tisch ab, um von der Anstoß- in die Trinkhaltung umzugreifen. Das ist,
meiner Meinung nach, die ganze Geschichte.

Dass derjenige, der nach dem Anstoßen nicht absetzt, angeblich die
nächste Runde zahlen muss, gehört in den Bereich der Pennäler-Riten.
Dass man Halbe-Gläser oder "Preiß'n-Halbe", bei denen ein Umgreifen
naheliegenderweise völlig unnötig ist, ebenfalls absetzt, ist meist
entweder der Nachlässigkeit des Trinkers / der Trinkerin, einem
individuell stiernackigen Festhalten an vorgeblichen Traditionen oder
schlicht dem Herdentrieb geschuldet.

Wir fassen zusammen: In Abwesenheit eines Maßkrugs und eines
diesbezüglichen Griffs hat das Absetzen schlicht keinen Sinn. Beim
Handling mit Maßkrügen hingegen ist es sehr sinnvoll und umsichtig. Es
wird uns in diesem Bereich sicherlich noch über Jahrhunderte
begleiten: Nicht als Trinksitte, sondern aus schlichter
gesundheitlicher und trinkerischer Notwendigkeit.


Herzlichst :-)

Trink- und Plattenfreund Hardy

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